Zentrum für Salutogenese

Ziel und Zweck des Zentrums

Hebammen arbeiten alle ressourcenorientiert und salutogenetisch. Dies gehört zu unserer Grundausbildung. Mit den Fortbildungen bei Verena Schmid und dem anschliessenden Studium in Salzburg wurde mir jedoch klar, dass die salutogenetische Arbeit mehr ist, als «das Gesunde zu fördern». Antonovsky fand heraus, wie Gesundheit entsteht und wie sie mit der Stärkung des Kohärenzgefühls (Sence of Coherence – SOC) nachhaltig gefördert werden kann. Nach dem Verfassen meiner Masterarbeit fingen wir an, die gezielte SOC-Modifikation immer mehr in unseren Praxisalltag und unsere Arbeit zu integrieren. Der Erfolg und die grosse Zufriedenheit der KundInnen motivierten uns, weiterzufahren und immer konsequenter das Konzept der Salutogenese umzusetzen.

Beginnt man immer mehr salutogenetisch zu arbeiten, hat dies Auswirkungen auf alle und alles – KlientInnen, Mitarbeiterinnen und die ganze Praxis. Eine salutogenetische Umgebung, Einrichtung und Arbeitsplatz folgten, die salutogenetische Mitarbeiterinnenführung bis zur salutogenetischen Ausbildung der Studierenden folgten ganz selbstverständlich. Auch hier wurde der enorme Gewinn für alle schnell spürbar. Arbeiten, lernen, wachsen und führen werden zu stärkenden Tätigkeiten in unserem Alltag.

Auch wenn die Salutogenese bereits 1979 von Antonovsky vorgestellt wurde, ist sie neben allen anderen Theorien der Gesundheitsförderung wenig bekannt. Dies alles ermutigte uns, das «Zentrum für Salutogenese rund um die Geburt» zu gründen.

Ziel und Zweck des Zentrums:

  • Salutogenetisch arbeiten / Intentionale SOC-Modifikation
  • Salutogenetisch führen und ausbilden
  • Fachpersonen Salutogenese vermitteln
  • Salutogenese bekannt machen

Wir freuen uns, mit Ihnen unser Zentrum zu teilen!
Carole Lüscher-Gysi

Salutogenese und Kohärenzgefühl

Warum bleiben Menschen – trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse – gesund? Wie schaffen sie es, sich von Erkrankungen wieder zu erholen? Was ist das Besondere an Menschen, die trotz extremster Belastungen nicht krank werden? Diese Fragen stellte sich der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923–1994) anfangs der 1970er Jahre und wurden zum Ausgangspunkt seiner theoretischen und empirischen Forschung. Antonovsky prägte für diese neue Blickrichtung den Begriff „Salutogenese“ (Salus, lat.: Unverletztheit, Heil, Glück; Genese, griech.: Entstehung), um den Gegensatz zur „Pathogenese“ des biochemischen Ansatzes und des derzeitigen Krankheitsmodells, aber auch des Risikofaktorenmodells hervorzuheben (Bengel 2001:24).

Aaron Antonovsky wertete 1970 eine Erhebung über die Adaptation von Frauen verschiedener ethnischer Gruppen an die Menopause aus. Eine Gruppe war 1939 zwischen 16 und 25 Jahre alt und hatte sich zu dieser Zeit in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager befunden. Ihr psychischer und körperlicher Gesundheitszustand wurde mit der einer Kontrollgruppe verglichen. Der Anteil der in ihrer Gesundheit nicht beeinträchtigten Frauen betrug in der Kontrollgruppe 51 % im Vergleich zu 29 % der KZ-Überlebenden. Nicht der Unterschied an sich, sondern die Tatsache, dass in der Gruppe der KZ-Überlebenden 29 % der Frauen trotz der unvorstellbaren Qualen eines Lagerlebens und späterem Flüchtlingsdasein als (körperlich und psychisch) ‚gesund’ beurteilt wurden, war für ihn ein unerwartetes Ergebnis. „Dies war für mich die dramatische Erfahrung, die mich bewusst auf den Weg brachte, das zu formulieren, was ich später als das salutogenetische Modell bezeichnet habe […]“ (Antonovsky 1997:15).

Antonovsky bezeichnet die Pathogenese, das ursprüngliche Modell der Medizinforschung, als eine Orientierung, die versucht zu erklären, warum Menschen krank werden und warum sie unter eine gegebene Krankheitskategorie fallen. „Eine salutogenetische Orientierung, die sich auf die Ursprünge der Gesundheit konzentriert, stellt eine radikal andere Frage: Warum befinden sich Menschen auf der positiven Seite des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums oder warum bewegen sie sich auf den positiven Pol zu, unabhängig von ihrer aktuellen Position?“ (Antonovsky 1997:15).

Diese radikal andere Frage nach dem Ursprung von Gesundheit anstelle von Krankheit, wurde ein Wendepunkt in der Geschichte der Gesundheitsforschung (Lindström/Eriksson 2010).

Das Kohärenzgefühl / Sence of Coherence (SOC)

Für die Beantwortung der salutogenetischen Frage, wie Gesundheit erklärt werden kann, suchte Antonovsky die Hauptdeterminante dafür, auf welcher Position sich jeder Mensch auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum befindet und wie er sich in Richtung gesunden Pol bewegt (Antonovsky 1997:22). Diese Hauptdeterminante ist gemäss Antonovsky das „Kohärenzgefühl“ oder „Sense of Coherence“ (SOC) (Antonovsky 1997:34ff).

„Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass

  • die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
  • einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
  • diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“ (Antonovsky 1997:36)

Die drei Komponenten des Kohärenzgefühls

Antonovsky definiert drei Komponenten des SOC: Verstehbarkeit (Comprehensibility), Handhabbarkeit (Manageability) und Bedeutsamkeit (Meaningfulness), welche sich gegenseitig beeinflussen. Bei der Erforschung der Beziehung zwischen den drei Komponenten wurde die Bedeutsamkeit als wichtigste Komponente identifiziert (Antonovsky 1997:37).

Die drei Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit werden von Antonovsky wie folgt näher beschrieben:

Verstehbarkeit (Antonovsky 1997:34f)

  • Die Person mit einem hohen Ausmass an Verstehbarkeit geht davon aus, dass Stimuli, denen sie in Zukunft begegnet, vorhersehbar, eingeordnet und erklärt werden können.
  • Eine solide Fähigkeit, die Realität zu beurteilen.
  • Ausmass, in welchem man interne und externe Stimuli als kognitiv sinnhaft wahrnimmt, als geordnete, konsistente, strukturierte und klare Information und nicht als Rauschen – chaotisch, ungeordnet, willkürlich, zufällig und unerklärlich.

Handhabbarkeit (Antonovsky 1997:35)

  • Das Ausmass, in dem man wahrnimmt, dass man eigene Ressourcen zur Verfügung hat, um den Anforderungen zu begegnen, die von den Stimuli, mit denen man konfrontiert wird, ausgehen.
  • „Zur Verfügung“ stehen Ressourcen, die man selbst unter Kontrolle hat oder solche, die von legitimierten anderen kontrolliert werden – vom Ehepartner, von Freunden, Kollegen, Gott, der Geschichte, vom Parteiführer oder einem Arzt – von jemandem, auf den man zählen kann, jemandem, dem man vertraut.
  • Wissen, wenn „bedauerliche Dinge“ geschehen, wird man mit ihnen umgehen können.

Bedeutsamkeit / Sinnhaftigkeit (Antonovsky 1997:35)

  • Ausmass, in dem das Leben emotional als sinnvoll empfunden wird, dass wenigstens einige der vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen es wert sind, Energie in sie zu investieren.
  • Ereignisse, welche der Person wichtig sind, ihr am Herzen liegen und „Sinn machen“, werden tendenziell als Herausforderung und als wichtig genug angesehen, emotional in sie zu investieren und sich zu engagieren.
  • Als Teilnehmer in die Prozesse, die das eigene Schicksal und die alltägliche Erfahrung bilden, involviert sein.

Entstehung des Kohärenzgefühls

Antonovsky erläutert die Entstehung der einzelnen SOC-Komponenten für das Säuglingsalter und die Kindheit, die Adoleszenz sowie das frühe und späte Erwachsenenalter (Antonovsky 1997:95ff). Dabei werden die Erfahrungen aufgeführt, nach welchen laut Antonovsky das SOC gestärkt wird.

Säuglingsalter / Kindheit

Verstehbarkeit:
Lebenserfahrungen von Beziehung, Stabilität, Konsistenz, Kontinuität, Belastungsbalance und Partizipation in Bezug auf primäre und sekundäre Bedürfnisse

Handhabbarkeit:
Ausgeglichenes Muster von Reaktionen der Betreuungspersonen auf Bedürfnisse des Kindes von innen

Bedeutsamkeit:
Teilnahme an Entscheidungsprozessen in soziale anerkannten Aktivitäten, positive Antworten auf die Aktivitäten des Kindes

„Je ausgeprägter das SOC der Eltern, desto wahrscheinlicher ist, dass sie die Lebenserfahrungen des Kindes so beeinflussen, dass dieses in dieselbe Richtung geführt wird. […] In den meisten Gesellschaften hat der Säugling eine zentrale Pflegeperson, die ihm die Erfahrungen vermittelt, aus denen sich das SOC dann auszubilden beginnt, wenngleich andere Figuren im Hintergrund involviert sein mögen“ (Antonovsky 1997:99).

Adoleszenz

Verstehbarkeit:
Lebenserfahrungen von Beziehung, Stabilität, Konsistenz, Kontinuität, Belastungsbalance und Partizipation

Eine umschriebene Persönlichkeit innerhalb einer sozialen Realität werden, die man versteht.

Handhabbarkeit:
Gefordert werden, aber nicht überfordert

Bedeutsamkeit:
Erfahrung, dass der Weg, die Erfahrungen zu meistern, eine erfolgreiche Variante des Weges ist, mit dem die anderen Menschen um ihn herum ihre Erfahrungen meistern und solches Können anerkennen.

Erwachsenenalter

Verstehbarkeit:
Klarheit über die eigene Rolle

Klarheit und Vertrautheit mit den Rollen der anderen im Kontext sowie ihrer Verbindung zu der eigenen (Frau, Kind, Mann, Familie, Kirchgemeinde, Vereine)

Erfahrung von Konsistenz im Leben, bei der Arbeit, im sozialen Umfeld

Kennen der grösseren Zusammenhänge und übergeordneten Zielen der Familie, des Arbeitgebers, der Regierung etc.

Überkomplexität und Chaos darf dann sein, wenn man weiss, wo sein Platz ist, dies einem grösseren Rahmen dient und dieser verstehbar ist

Handhabbarkeit:
Verfügbarkeit von Ressourcen wie Erfahrungen, Wissen, Fertigkeiten, Familie, Gemeinde, Kirche

Erfahrung einer angemessenen Belastungsbalance (keine Unter- oder Überbelastung, keine Unter- oder Überforderung)

Lohn oder Wertschätzung von unbezahlter Arbeit

Sicherheit betreffend der politischen Situation

Arbeitsplatzsicherheit

Bedeutsamkeit:
Bedeutsamkeit des Lebens für sich selbst, der Familie und ihr soziales Umfeld

Soziale Bewertung des Berufsstandes oder der Lebenssituation, Prestige

Soziale Bewertung der Familie

Formale soziale Struktur, welche die Ressourcen zur Verfügung stellt

Informelle Strukturen wie Freunde, Gemeinde: sich als Teil eines Ganzen fühlen

Macht und Machtverteilung, Mitbestimmungs- und Mitspracherecht, Teilnahme an sozial geschätzten Entscheidungsprozessen

Dynamik des Kohärenzgefühls

Antonovsky ging davon aus, dass man etwa gegen Ende der ersten Dekade des Erwachsenenalters, also etwa mit 30 Jahren, eine bestimmte Position auf dem SOC-Kontinuum erreicht hat, und sich diese nicht mehr verändert (Antonovsky 1997:114). Laut Lindström/Eriksson konnte jedoch in zahlreichen späteren Studien gezeigt werden, dass das SOC mit zunehmendem Alter und Lebenserfahrung stärker wird (Lindström/Eriksson 2010:36).

Die Messung des Kohärenzgefühls

Um das Kohärenzgefühl zu messen, entwickelte Antonovsky den sogenannten „SOC Fragebogen“. Der 1983 veröffentlichte Fragebogen enthält 29 Einheiten (Items), welche die drei Dimensionen des SOC abbilden: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit. Er besteht aus 11 Items zur Verstehbarkeit, 10 Items zur Handhabbarkeit und 8 Items zur Bedeutsamkeit, wobei sich eine theoretische Bandbreite von 29-203 Punkten für den SOC-29 Fragebogen ergibt (Antonovsky 1997:84). 1987 wurde von Antonovsky eine kürzere Form des Fragebogens veröffentlicht, der SOC-13-Fragebogen. Die meisten Studien verwenden die beiden Originalfragebogen, jedoch fanden Eriksson und Lindström bis 2003 mindestens 15 modifizierte Versionen von 3 bis 28 Items (Eriksson/Lindström 2003 in Lindström/Eriksson 2010:21). Die Frage der Operationalisierung des SOC und damit der Validität eines Fragebogens, welcher eine „globale Orientierung“ messbar machen soll, beantwortet Antonovsky ausführlich (Antonovsky 1997:79). Zahlreiche Forscher überprüften und modifizierten den SOC-29 Fragebogen (Antonovsky 1997:83), weitere Fragebogen wurden aus Antonovskys Originalfragebogen weiterentwickelt, so z.B. der „Salutogenic Health Indicator Scale“ (SHIS) von Bringsén, Andersson et al 2009 oder den „Salutogenic Wellness Promotion Scale“ (SWPS) von Becker, Dolbier et al 2008 (Lindström/Eriksson 2010:22).

Wird das SOC selbst beschrieben, werden Adjektive wie „stark“, „schwach“ oder „rigid“ verwendet. Die Adjektive „hoch“ und „niedrig“ beziehen sich auf den SOC-Level oder SOC Score, welcher mit einem Fragebogen ermittelt wurde. Ein hoher SOC-Level bedeutet ein starkes Kohärenzgefühl, ein niedriger SOC-Level ein schwaches Kohärenzgefühl. Das „rigide“ Kohärenzgefühl bezeichnet ein „nicht-authentisches“ Kohärenzgefühl. Etwa 4-5% der Befragten geben bei jedem Item des Fragebogens eine hohe „SOC-Antwort“, wodurch Antonovsky zu unterscheiden begann zwischen dem „Gefühl des Selbst“ und dem „Gefühl der Identität“. „Es wird zu jedem gegebenen Zeitpunkt Menschen geben, die darauf bestehen, dass gerade alles verstehbar, handhabbar und bedeutsam ist“ (Antonovsky 1997:40f).

Forschung zu Salutogenese

Antonovskys Überlegungen wurden erst relativ spät nach Erscheinen der beiden Hauptwerke (1997/1987) in die gesundheitswissenschaftliche Diskussion aufgenommen (Bengel 2001:9). Die Anwendung des SOC-Fragebogens in Studien stieg erst nach 1996 stark an (Lindström/Eriksson 2010:15). Eriksson und Lindström veröffentlichten 2007 eine systematische Review zu „Antonovsky' s sense of coherence scale and its relation with quality of life”. Die Review hatte das Ziel, Resultate zum salutogenetischen Konzept, dem Kohärenzgefühl (SOC) und „Quality of life“ (QoL) darzustellen. Dabei untersuchten Eriksson und Lindström 458 wissenschaftliche Publikationen und 13 Doktorthesen zum Thema Salutogenese, die zwischen 1992 und 2003 veröffentlicht wurden. 32 hatten als Hauptthema die Erforschung der Beziehung zwischen dem SOC und der QoL. Es konnte gezeigt werden, dass das SOC einen Einfluss auf die Lebensqualität hat: Je stärker das SOC, desto besser die Lebensqualität. SOC ist also ein signifikanter Prädiktor für die Lebensqualität. Die Autoren konnten ebenfalls zeigen, dass Gesundheitsförderung wirksam ist, wenn sie salutogenetisch orientiert ist. Menschen und Systeme, welche den salutogenetischen Ansatz verfolgen, leben länger, sind empfänglicher für positives Gesundheitsverhalten und können besser mit akuten oder chronischen Krankheiten sowie mit Stress umgehen. Auch nehmen sie sich als physisch und psychisch gesund wahr und spüren eine gute Lebensqualität (Lindström/Eriksson 2010:11; Eriksson 2007; Eriksson/Lindström 2006).

Weiter kann ein starkes SOC in Verbindung gebracht werden mit guter Gesundheit, vor allem psychischer Gesundheit. Die weltweite Erforschung der Salutogenese zeigt Evidenzen, dass ein starkes SOC gegen Angst, Depression, Burnout und Hoffnungslosigkeit schützt. Auch Gesundheitsressourcen wie Optimismus, Ausdauer, Kontrolle und Bewältigungsstrategien konnten mit guter Gesundheit und QoL in Verbindung gebracht werden (Eriksson/Lindström 2006 in Lindström/Eriksson 2010:32). Salutogenese und das SOC wurden ebenfalls erforscht in Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen, Krebs, Diabetes und psychischen Erkrankungen. Wenn auch teilweise limitiert, konnte gezeigt werden, dass ein starkes SOC positiven Einfluss auf drei Faktoren der Gesundheit hatte: die physische und psychische Gesundheit der betroffenen Patienten, deren Umgang mit der Krankheit sowie deren Gesundheitsverhalten. Dabei ist nicht nur der direkte Gewinn einer salutogenetischen Orientierung für die Gesundheit des Menschen ein Erfolg, sondern auch der ökonomische Nutzen enorm (Lindström/Eriksson 2010:37ff).

Lindström und Eriksson verglichen die Salutogenese mit anderen Theorien und Modellen, welche Gesundheit zu erklären versuchen. Obwohl dabei Unterschiede feststellbar sind, lassen sich laut Lindström und Eriksson (2010:55) in allen Gesundheitstheorien salutogenetische Elemente finden. „Salutogenesis is much more than only the mesurement of the Sense of Coherence, it is a broader concept focusing on resources, competencies, abilities, assets on different levels, the individual, the group such as families, and also in societies“ (Lindström/Eriksson 2010:55). Das Bild des “Salutogenic umbrella” soll den Stellenwert zeigen, welchen die Salutogenese in der heutigen Gesundheitsforschung laut Lindström und Eriksson haben kann und soll. Gleichzeitig wird illustriert, wie gross das Forschungsgebiet rund um Gesundheit heute ist.

salutogenesis

The salutogenic umbrella. Modified after Eriksson and Lindström 2010 (Lindström/Eriksson 2010:55)

Forschung zu Salutogenese und Mutterschaft

Es kann gesagt werden, dass alle untersuchten Studien den Fokus auf die Frau legen und nicht auf die Hebamme, respektive die Fachperson - sei dies in der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in der Wochenbettzeit (Zusammenfassung siehe Ende des Textes).

Abrahamsson und Ejlertsson (2002) veröffentlichten eine quantitative Studie mit dem Ergebnis, dass die salutogenetische Sichtweise bei der Rauchprävention bei schwangeren Frauen von Bedeutung ist. Dabei sollte in der Prävention des Rauchens während der Schwangerschaft ein salutogenetischer Ansatz anstelle eines pathogenetischen Ansatzes genutzt werden. Dazu wurde im 1. Drittel der Schwangerschaft ein Fragebogen ausgefüllt sowie nach der Geburt ein Interview geführt. 395 Schwangere in Südostschweden wurden zwischen 1994-1995 eingeschlossen. Die Frauen wurden aufgrund ihres Rauchverhaltens kategorisiert. Ein signifikanter Unterschied wurde beim SOC-Score zwischen Raucherinnen und Nicht-Raucherinnen festgestellt. Nichtraucherinnen hatten einen SOC-Level von durchschnittlich 72.6, Raucherinnen 67.8. Den niedrigsten SOC-Level hatten die Frauen, welche rückfällig wurden (64.2), - dies vor allem im Bereich Handhabbarkeit. Als Schlussfolgerung wird die Salutogenese als Möglichkeit empfohlen, wie Frauen ermutigt werden können, während der Schwangerschaft mit dem Rauchen aufzuhören. Abrahamsson und Ejlertsson zeigen in der Studie Wege auf, wie im Sinne der Salutogenese die Rolle der Hebamme in Bezug auf das Rauchverhalten der Frau während der Schwangerschaft sein könnte (vgl. Kap. 4.2.3).

Weiter fanden Abrahamsson und Ejlertsson heraus, dass der durchschnittliche SOC-Level bei der Gruppe der schwangeren Frauen zwischen 18 und 43 Jahren mit 71.8 deutlich höher war als bei verschiedenen Vergleichsgruppe nichtschwangerer Frauen. Die Autorinnen der Studie verglichen ihre Resultate mit zwei Studien, welche den SOC-Level bei Frauen ausserhalb der Schwangerschaft massen. Dies war einerseits eine Studie von Larsson und Kallenberg (1996), welche bei schwedischen Frauen zwischen 15 und 74 Jahren einen durchschnittlichen SOCLevel von 64.0 massen. Andererseits eine Studie von Wolff und Ratner (1999), welche das SOC bei Frauen zwischen 40 und 44 Jahren in Kanada untersuchten und einen durchschnittlichen SOC-Level von 59.0 fanden. Abrahamsson und Ejlertsson analysierten sechs weitere Studien, welche den SOC-13 Fragebogen anwendeten, dabei wurde eine Bandbreite des SOCLevels von 55.0 bis 68.7 gefunden. Diese Resultate stimmten mit Antonovskys Zahlen vergleichbarer Gruppen überein. Die Resultate waren überraschend, da bis anhin davon ausgegangen wurde, dass der SOC-Level kurzfristig stabil ist und erst mit dem Alter steigt (Lindström/Eriksson 2010:36). Abrahamsson und Ejlertsson führen dieses Resultat auf den hohen Wert der Bedeutsamkeit der Schwangerschaft zurück, welcher auch laut Antonovsky die wichtigste Komponente des SOC darstellt. „On theoretical grounds it seems plausible to assume that the high level of the SOC is the result of life-style changes among pregnant women, as the meaningfulness component – in line with our hypothesis – contributed most to the high SOC score in this study”.

In einer Studie von Sjöström, Langius‐Eklöf und Hjertberg (2004) wurde die Wahrnehmung des Wohlbefindens von Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt beschrieben und der Zusammenhang mit ihrem Kohärenzgefühl untersucht. Es wurden der SOC-Fragebogen (SOC), der Health Index (HI) und die Hospital Anxiety and Depression Scale (HAD) angewandt. Die 177 Frauen aus Stockholm füllten die entsprechenden Fragebogen in der Schwangerschaft in den Wochen 10–12 und 34–36 sowie 8 Wochen nach der Geburt aus. Es zeigte sich, dass die Frauen in den Wochen 34-36 ihr Wohlbefinden als signifikant schlechter einstuften als in der Frühschwangerschaft und nach der Geburt. Einen starken Einfluss auf das Wohlbefinden hatte dabei das SOC. Für die Faktoren Angst und Depression wurden keine Unterschiede festgestellt. Weder demographische Voraussetzungen, Alter, finanzieller Status noch das Ausmass an Komplikationen beeinflussten die Resultate. Die Messung des SOC zeigt die Kompetenz, welche Frauen im Umgang mit den unvorhersehbaren Prozessen rund um die Geburt haben. Der SOC-Fragebogen sowie der HI können der Hebamme helfen, die Bedürfnisse der Frau nach psychosozialer Unterstützung zu erkennen. Sjöström, Langius‐Eklöf und Hjertberg kommen zum Schluss, dass beide Instrumente in der Hebammenarbeit von grossem Wert sein können.

Ein starkes SOC Anfang Schwangerschaft bei Frauen korreliert mit weniger Symptomen der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) nach einer erlittenen Fehlgeburt. Dies ergab eine Studie von Engelhard, van den Hout und Vlaeyen (2003). Von den 1’372 Frauen, welche den SOC-Fragebogen ausfüllten und deren Symptome für Depression Anfang Schwangerschaft erfasst wurden, hatten 126 eine Fehlgeburt. Bei 118 wurden ein Monat nach der Fehlgeburt die Symptome für Depression und PTSD erfasst. Die Resultate zeigten, dass je stärker das SOC Anfang Schwangerschaft, desto weniger waren Frauen anfällig für Symptome des PTSD und Depression, was mit der Fähigkeit zur Mobilisierung von Unterstützung in Verbindung gebracht werden kann.

In einer prospektiven Kohortenstudie von Hellmers und Schuecking (2008) wurde das Wohlbefinden vor und nach der Geburt von erstgebärenden Frauen untersucht und in Zusammenhang gebracht mit der gewünschten und effektiven Geburtsart. Die Studie erfasste 366 Frauen in Deutschland und 39 in den USA. Es wurde ein eigener Fragebogen entworfen, wobei Instrumente wie der WHO-5 Well-Being Index, der SOC-Fragebogen (mit 9 Items) sowie die Edinburgh Postnatal Depression Skala integriert wurden. Es zeigte sich, dass nur wenige Frauen in beiden Ländern (2%) einen Kaiserschnitt wünschten ohne medizinischen Grund. Es gab einen Zusammenhang zwischen dem Wohlbefinden, dem SOC-Level und der gewünschten Geburtsart, jedoch nicht der effektiven Geburtserfahrung. Frauen mit einem schlechten Wohlbefinden wünschten sich öfter einen Kaiserschnitt als Frauen mit einem guten Wohlbefinden. Die effektive Kaiserschnittrate bei Frauen, welche am Schluss der Schwangerschaft einen Kaiserschnitt wünschten, war 61%, im Gegensatz zu 23.4% bei der Gruppe der Frauen, die sich eine Spontangeburt wünschten. Das Wohlbefinden sank generell nach der Geburt, wobei sich deutsche von amerikanischen Erstgebärenden unterschieden. Deutsche Mütter hatten eine höhere Lebensqualität und tiefere „Depression Scores“ nach der Geburt. Dies wurde mit der besseren nachgeburtlichen Versorgung in Beziehung gesetzt. In den Schlussfolgerungen fordern Hellmers und Schuecking Fachpersonen rund um die Geburt auf, das Wohlbefinden von Frauen zu fördern, um ihnen und ihren Familien einen guten Start zu ermöglichen.

Oz, Sarid, Peleg und Sheiner suchten (2009) in einer prospektiven Studie nach Faktoren, welche eine komplikationslose Geburt fördern. Zudem wollten sie wissen, ob das SOC und das Erleben von Stress einen Einfluss haben auf die Geburt. Während der Schwangerschaft wurden SOC- und „perceived stress scale“-Fragebogen (PSS) ausgewertet und anschliessend in Bezug gesetzt zu den Geburten. Von den 145 Frauen hatten 43.4% eine komplikationslose Geburt. Frauen, welche eine Geburt mit Komplikationen hatten, hatten in der Schwangerschaft einen niedrigeren SOC-Score (67.7+1.19 vs. 72.2+1.32, p=0.014). Mütterliche Komplikationen (im Gegensatz zu kindlichen Komplikationen) erklärten diese Abweichung und konnten in Verbindung gebracht werden mit einem niedrigeren SOC-Score (67.74+1.19 vs. 72.18+1.32, p=0.01). PSS konnte nicht mit einer unkomplizierten Geburt in Verbindung gebracht werden (18.82+0.59 vs. 17.98+0.62, p=0.341). Zudem hatten Erstgebärende öfter Komplikationen bei der Geburt als Mehrgebärende. Es konnte also festgestellt werden, dass das SOC sowie die Parität einen Einfluss haben auf die Geburt. Ein starkes SOC ist ein unabhängiger Faktor, welcher mit einer komplikationslosen Geburt in Verbindung gebracht werden kann.

„Beeinflusst die Geburt nach Infertilitätsbehandlung das Kohärenzgefühl?“ Diese Frage untersuchten Habroe, Schmidt und Evald Holstein (2007) in einer prospektiven Longitudinalstudie in Dänemark. Es konnte gezeigt werden, dass der SOC-Level nach der Geburt und ein Jahr nach der Infertilitätsbehandlung stieg, bei Frauen wie auch bei Männern. Frauen mit einem niedrigeren SOC-Level zu Beginn hatten einen starken (signifikanten) Anstieg des SOC-Levels, bei Frauen mit einem bereits hohen SOC-Level konnte kein signifikanter Anstieg festgestellt werden. Die Studie zeigte, dass der SOC-Level während der Elternschaft nicht stabil ist, sondern steigen kann. Gerade Frauen, welche nach einer Infertilitätsbehandlung eine Geburt erlebten, hatten den stärksten Anstieg.

Luyben und Fleming (2005) untersuchten in einer qualitativen Studie die Bedürfnisse von schwangeren Frauen in der Schwangerenvorsorge in drei europäischen Ländern. Dabei konnten drei Hauptkategorien gebildet werden: 1.) Das Bedürfnis nach Verantwortung, 2.) das Bedürfnis nach Unterstützung, damit Eigenverantwortung übernommen werden kann, 3.) das Bedürfnis, eine partnerschaftliche, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Die Kategorie „Verantwortung“ enthielt die Unterkategorien „feeling confident“ (zuversichtlich, vertrauend) und „feeling autonomous“ (unabhängig). In dieser Studie wurde Salutogenese nicht explizit als Theorie beigezogen oder das SOC gemessen. Die Resultate zeigen jedoch Aspekte des SOC auf: Das Bedürfnis nach Eigenverantwortung, Autonomie und einer partnerschaftlichen, vertrauensvollen Beziehung zeigen Synergien mit der Salutogenese, in der die Eigenverantwortung und Autonomie immer wieder betont werden. Auch der Aspekt der kulturellen Unterschiede, was die Bedürfnisse der Frauen in Bezug auf die Schwangerschaftsvorsorge betrifft, entspricht den kulturellen und soziographischen Einflussfaktoren, die Antonovsky immer wieder erwähnt (vgl. „Entstehung des Kohärenzgefühls“ sowie Antonovsky 1997:39ff und 109ff).

Fazit

Es kann gesagt werden, dass zur Hebammenarbeit und wie die Hebamme das Kohärenzgefühl der Frau, des Mannes und Kindes beeinflussen kann, bisher wenig Forschung betrieben wurde. Aus den ausgewählten Studien kann zusammengefasst werden:

Die Fachperson soll:

  • in Bezug auf das Rauchverhalten der Schwangeren konkrete salutogenetische Instrumente anwenden, die der Frau helfen, ihr Rauchverhalten zu verstehen und zu verändern. Dies sind das Verstehen des Rauchverhaltens, das gemeinsame Finden von Ressourcen und Copingstrategien, und Ermutigung zur Übernahme von Eigenverantwortung (Abrahamsson und Ejlertsson 2002)
  • das Bedürfnis nach psychosozialer Unterstützung wahrnehmen und dazu den SOCFragebogen sowie der Health Index (HI) verwenden (Sjöström, Langius‐Eklöf und Hjertberg 2004)
  • das Wohlbefinden der Frauen vor und nach der Geburt fördern, um ihnen und ihren Familien einen guten Start zu ermöglichen (Hellmers und Schuecking 2008)
  • die Frau darin bestärken, Eigenverantwortung zu übernehmen, ihr Autonomie und Vertrauen geben sowie eine partnerschaftliche, vertrauensvolle Beziehung anbieten (Luyben und Fleming 2005)

In den restlichen drei Studien von Engelhard, van den Hout und Vlaeyen (2003), Oz, Sarid, Peleg und Sheiner (2009) sowie bei Habroe, Schmidt und Evald Holstein (2007) wurden keine Angaben zu der Arbeit der Fachpersonen gemacht, in welcher Art diese die Salutogenese in ihre konkrete Arbeit bei der Begleitung während der Schwangerschaft integrieren könnten.

Salutogenese und Hebammenarbeit / therapeutische Arbeit

Ein starkes Kohärenzgefühl erleichtert die psychosoziale Anpassung an Stressoren. Die Frage stellt sich, ob Antonovskys Modell sich auch für die Anpassung an die körperlichen Veränderungen rund um Mutterschaft eignet.

Antonovsky hat mit der Salutogenese ein psychosoziales Modell im Umgang mit Stressoren entworfen, dennoch suchte er die physiologischen Korrelate, um seine Ergebnisse (der besseren Gesundheit bei Menschen mit einem starken SOC) zu belegen. Er fand diese bei Schwartz (1979), Cohen (1984), Solomon (1985) und anderen damals führenden Stressforschern (Antonovsky 1997:140ff). Antonovsky definiert Stressoren als „Herausforderungen, für die es keine unmittelbar verfügbaren oder somatisch adaptive Reaktionen gibt“, dabei ist die wichtigste Auswirkung von Stressoren, dass sie einen Spannungszustand erzeugen. Wie bereits erwähnt ist ein Stressor ein Merkmal, das Entropie in das System bringt, also eine Lebenserfahrung, die durch Inkonsistenz, Unter- oder Überforderung und fehlende Teilhabe an Entscheidungsprozessen charakterisiert ist“ (Antonovsky 1997:43ff). Dies ist die eigentliche Erklärung, weshalb ein psychosoziales Modell, das zwar mehrheitlich positive Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden hat, aber keine Krankheiten heilen kann, durch Spannungsabbau auch körperliches Wohlbefinden fördert und positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dies ermöglicht es Hebammen, die Salutogenese als Grundlage für ihre Arbeit zu nutzen, um die psychosoziale wie auch die körperliche Anpassung an die Veränderungen durch Mutterschaft zu unterstützen.

Stärkung des Kohärenzgefühls der Klientin des Klienten / Intentionale SOC-Modifikation

Antonovsky wurde immer wieder gefragt, ob und inwieweit das SOC geplant oder absichtlich verändert werden kann. „Besonders die, die sich zu dem Modell hingezogen fühlen, die einen systematischen Zugang zum Verstehen von Stärken und nicht von Risikofaktoren suchen, fanden es verwirrend zu hören, dass jemand mit einem starken SOC solche Helfer nicht wirklich braucht und dass jemandem mit einem schwachen SOC von einem temporären Begleiter nicht wirklich geholfen werden kann“ (Antonovsky 1997:118).

Obwohl Antonovsky das SOC als „eine tief verwurzelte, stabile dispositionale Einstellung einer Person“ bezeichnet, meint er damit nicht, dass es auf rigide Weise fixiert ist. Er sagt, dass einschneidende Erlebnisse einen kurzfristigen Einfluss auf das SOC haben können, dieses aber danach wieder auf seinen normalen Wert zurückkehrt (Antonovsky 1997:118).

Antonovsky benennt trotzdem drei Möglichkeiten, wie „professionelle Helfer“, welche die Verantwortung für die Beziehung zwischen psychosozialen Faktoren und Gesundheit tragen oder bereit sind, solche Verantwortung zu übernehmen, einen Einfluss auf das SOC haben können. Die ersten beiden beziehen sich auf temporäre, geringfügigere Modifikationen, wohingegen die dritte sich auf einschneidende Veränderung bezieht (Antonovsky 1997:119f).
1. Temporären Schaden anrichten: Die Fachperson strukturiert eine Erfahrung so, dass der Klientin deren Bedeutung für Stunden, Tage oder Wochen nicht verstehen kann. „Es ist nicht dauerhaft oder entscheidend, nichtsdestoweniger aber verletzend.“ Antonovsky zitiert eine Studie, nach welcher sich ein solches Vorkommnis in einem grösseren Bedarf an Schmerzmedikamenten oder zusätzlichen Krankenhaustagen auswirken, und er selbst zieht den Schluss, dass häufig Beschwerden von Patienten aufgrund von mangelnder Information und Kontrolle auftreten (Janis und Rodin 1979 in Antonovsky 1997:119).

2. Temporäre Verbesserung ermöglichen: Gestaltet die Fachperson die Erfahrung der Klientin so, dass sich diese in der Situation als konsistent erlebt, deren Belastungen ausgeglichen sind und deren Bedeutung versteht, kann eine kurzfristige Steigerung des SOC bewirkt werden.

3. Intentionale SOC-Modifikation: Diese Möglichkeit ist weitaus wichtiger, aber auch weitaus schwieriger. Die Fachperson hilft der Klientin Erfahrungen dadurch neu zu interpretieren, indem sie ihr „Rüstzeug an die Hand“ gibt. Es sollen innerhalb ihres Lebensbereiches Erfahrungen ausfindig gemacht werden, welche Antonovsky „SOC-verbessernde Erfahrungen“ nennt. Dies trifft auf jedes therapeutische Vorgehen zu, das eine langanhaltende, konsistente Veränderung in den realen Lebenserfahrungen, die Menschen machen, erleichtert. Und noch mehr gilt dieser Punkt für Situationen, in denen der Praktiker über eine lange Zeitspanne ein beträchtliches Ausmass an Kontrolle über die Lebenssituation der Klientin hat.

Das Kohärenzgefühl der Klientin kann durch die Fachperson gestärkt werden, was Antonovsky „Rüstzeug an die Hand geben“ nennt. Dies erfolgt über die Förderung der drei Komponente des SOC: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit.

Wie intentionale SOC-Modifikation genau geschehen kann, vermitteln wir in unseren Weiterbildungen.

Salutgenetisch führen und ausbilden

Die Salutogenese eignet sich sehr gut als pädagogisches Konzept zur Ausbildung von Lernenden und zur Führung von MitarbeiterInnen. Im Frühling 2018 erscheint im Hogrefe Verlag ein Überblickswerk zur Salutogenese, herausgegeben von Claudia Meier Magistretti und Bengt Lindström. Es wird auf einer deutschen Übersetzung von «The Hitchhiker’s Guide to Salutogenesis» von Bengt Lindström und Monica Erikson basieren. Ein Kapitel zum Thema «Salutogenetisch ausbilden» verfasste Carole Lüscher. Wir bitten um Verständnis, dass bis zur Herausgabe des Buches dieses Kapitel noch nicht ausgeführt werden kann.

Weiterbildung für Fachpersonen in salutogenetischer Arbeit, Führung und Ausbildung

Ab 2018 bieten wir Weiterbildungen zu salutogenetischer Arbeit an. Genaue Daten und Informationen finden Sie bald hier. Es können auch individuell auf Sie und Ihre Situation oder Institution angepasste Fortbildungen angeboten werden.

Kurs 1: Stärkung des Kohärenzgefühls / Intentionale SOC-Modifikation der Klientin / des Klienten

    Theorie der Salutogenese und des Kohärenzgefühls
  • Theorie der «Generalisierten Widerstandsressourcen» und «Generalisierten Widerstandsdefizite»
  • Das Kohärenzgefühl der Fachperson
  • Das Kohärenzgefühl einer spezifischen Berufsgruppe
  • Das Kohärenzempfinden der Fachperson in der Arbeit
  • Stärkung des Kohärenzgefühls / Intentionale SOC-Modifikation der Klientin /des Klienten
  • Stärkung des Kohärenzgefühls der Fachperson und des Teams

Dieser Kurs richtet sich an: ÄrztInnen, PsychiaterInnen, Psychologinnen, TherapeutInnen und Fachpersonen in Pflege, Betreuung andere Interessierte

Kurs 2: Stärkung des Kohärenzgefühls / Intentionale SOC-Modifikation der Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerin

  • Theorie der Salutogenese und des Kohärenzgefühls
  • Theorie der «Generalisierten Widerstandsressourcen» und «Generalisierten Widerstandsdefizite»
  • Das Kohärenzgefühl der Hebamme
  • Das Kohärenzgefühl der spezifischen Berufsgruppe der Hebammen
  • Das Kohärenzempfinden der Hebamme in der Arbeit
  • Stärkung des Kohärenzgefühls / Intentionale SOC-Modifikation der Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerin
  • Stärkung des Kohärenzgefühls der Fachperson und des Teams

Dieser Kurs richtet sich an: Hebammen, GynäkologInnen, PsychiaterInnen, Psychologinnen, TherapeutInnen und andere Interessierte

Kurs 3: Stärkung des Kohärenzgefühles des Kindes

  • Theorie der Salutogenese und des Kohärenzgefühls
  • Theorie der «Generalisierten Widerstandsressourcen» und «Generalisierten Widerstandsdefizite»
  • Das Kohärenzgefühl des Ungeborenen bis Jugendlichen
  • Das Kohärenzgefühl der Eltern / des Umfeldes / des Kulturkreises
  • Das Kohärenzempfinden der Eltern in der Erziehung
  • Vermittlung der Grundlagen der Bindungstheorie
  • Stärkung des Kohärenzgefühls / Intentionale SOC-Modifikation des Kindes
  • Stärkung des Kohärenzgefühls der Eltern

Dieser Kurs richtet sich an: Eltern, Hebammen, KinderärztInnen, Mütterberaterinnen, PsychiaterInnen, Psychologinnen, TherapeutInnen und andere Interessierte

Kurs 4: Salutogenetisch führen / Intentionale SOC-Modifikation der MitarbeiterIn / des Teams

  • Theorie der Salutogenese und des Kohärenzgefühls
  • Theorie der «Generalisierten Widerstandsressourcen» und «Generalisierten Widerstandsdefizite»
  • Das Kohärenzgefühl der Führungsperson
  • Das Kohärenzgefühl einer spezifischen Berufsgruppe
  • Das Kohärenzempfinden der Führungsperson in der Arbeit
  • Stärkung des Kohärenzgefühls / Intentionale SOC-Modifikation der MitarbeiterIn / des Teams
  • Einen salutogenetischen Arbeitsplatz einrichten
  • Das salutogenetische MitarbeiterInnengespräch

Dieser Kurs richtet sich an Personen in Führungspositionen und leitenden Funktionen.

Kurs 5: Salutogenetisch ausbilden / Intentionale SOC-Modifikation der Lernenden / Auszubildenden

  • Theorie der Salutogenese und des Kohärenzgefühls
  • Theorie der «Generalisierten Widerstandsressourcen» und «Generalisierten Widerstandsdefizite»
  • Das Kohärenzgefühl der Ausbildnerin /des Ausbildners
  • Das Kohärenzempfinden der Ausbildnerin /des Ausbildners in Ausbildungsbetrieben und beim Lehren
  • Salutogenetisches Lernen und Lehren
  • Stärkung des Kohärenzgefühls / Stärkung des Kohärenzgefühls / Intentionale SOC-Modifikation der Lernenden / Auszubildenden
  • Einen salutogenetischen Ausbildungsplatz einrichten / salutogenetisches Lernen und Lehren ermöglichen</li>

Dieser Kurs richtet sich an Personen, welche in ihrem Betrieb Lehrbeauftragte sind, Lernende betreuen und ausbilden, Pädagogen, LehrerInnen u.w.

Kurs 6: Für HR-Fachpersonen: Salutogenetisch führen von Schwangeren und jungen Müttern im Betrieb

  • Theorie der Salutogenese und des Kohärenzgefühls
  • Theorie der «Generalisierten Widerstandsressourcen» und «Generalisierten Widerstandsdefizite»
  • Das Kohärenzgefühl der schwangeren Mitarbeiterin / jungen Mutter
  • Stärkung des Kohärenzgefühls der schwangeren Mitarbeiterin / jungen Mutter
  • Einen salutogenetischen Arbeitsplatz einrichten für Schwangere und Stillende als Prophylaxe von Beschwerden und Ausfällen
  • Das salutogenetische Mitarbeiterinnengespräch zur Planung des Mutterschaftsurlaubes
  • Stärkung des Kohärenzgefühles des restlichen Teams

Dieser Kurs richtet sich an Vorgesetzte, TeamleiterInnen, Personen in Führungspositionen und leitenden Funktionen speziell im HR Bereich von kleinen bis grossen Betrieben.

Coaching & Fallbesprechung

Für Fachpersonen, welche die Salutogenese-Grundkurse besucht haben oder bereits Wissen und Erfahrung mit der salutogenetischen Arbeit haben, bieten wir Coaching oder Fallbesprechungen an. Dies können Einzelcoaching oder Fallbesprechungen in einer Gruppe sein.

Bitte nehmen Sie mit Carole Lüscher Kontakt auf: carole.luescher@9punkt9.ch / 077 470 50 90.

Quellenangaben

Die in den vorangegangenen Texten verwendeten Quellen sind folgende:

Abrahamsson, A./ Ejlertsson, G. (2002). A salutogenic perspective could be of practical relevance for the prevention of smoking amongst pregnant women. In: Midwifery, 18/2002, 323-331.

Antonovsky, A./ Franke, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt-Verlag

Bengel, J. (2001). Was erhält Menschen gesund?: Antonovsky Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert; eine Expertise von Jürgen Bengel, Regine Strittmacher und Verlag Hildegard Willmann. In: Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, 6/2001. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA

Engelhard, I.M. / van den Hout, M.A./ Vlaeyen, J.W.S. (2003). The sense of coherence in early pregnancy and crisis support and posttraumatic stress after pregnancy loss: a prospective study. In: Behavioral Medicine, 29/2003, 80-84.

Eriksson, M. (2007). Unravelling the Mystery of Salutogenesis: The Evidence Base of the Salutogenic Research as Measured by Antonovsky's Sense of Coherence Scale. Helsinki: Folkhälsan Research Centre

Eriksson, M./ Lindström, B. (2006). Antonovsky’s Sense of Coherence Scale and it’s relation with health: a systematic review. In: Journal of epidemiology and community health, 60/2006, 376-381

Eriksson, M./ Lindström, B. (2007). Antonovsky’s Sense of Coherence Scale and it’s relation with quality of life: a systematic review. In: Journal of epidemiology and community health, 61/2007, 938-944

Habroe, M./ Schmidt, L./ Evald Holstein, B. (2007). Does childbirth after fertility treatment influence sense of coherence? A longitudinal study of 1,934 men and women. In: Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica, 86/2007, 1215-1221

Hellmers, C./ Schuecking, B. (2008). Primiparae’s well-being before and after birth and relationship with preferred and actual mode of birth in Germany and the USA. In: Journal of Reproductive and Infant Psychology, 26/2008, 4, 351–372

Lindström, B. (2012). Ein gesunder Start ins Leben: Salutogenese und Gesundheit rund um Geburt und frühe Mutterschaft. Skript und Powerpoint Präsentation zur Fachtagung der Hochschule Luzern vom 26.04.2012

Lindström, B./ Eriksson, M. (2010). The Hitchhiker's Guide to Salutogenesis. Salutogenic pathways to health promotion. Research Report 2/2010. Helsinki: Folkhälsan Research Center, Health Promotion Research

Luyben GA. / Fleming V. (2005) Women’s needs from antenatal care in three European countries. Midwifery 21:212-223.

Oz, Y./ Sarid, O./ Peleg, R./ Sheiner, E. (2009). Sense of coherence predicts uncomplicated delivery: a prospective observational study. In: Journal of Psychosomatic Obstetrics & Gynecology, 30/2009, 29-33.

Sjöström, H./ Langius‐Eklöf, A./ Hjertberg, R. (2004). Well‐being and sense of coherence during pregnancy. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica, 83, 1112-1118.

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